Zeitzeug*innengespräch mit Helga Schulze - Geschichte, die unter die Haut geht
Zum zweiten Mal durften wir an unserer Schule eine ganz besondere Zeitzeugin begrüßen: Helga Schulze. In drei Terminen sprach sie mit den Klassen 6a, 6b und 6c – am 24. April 2026 fand der eindrucksvolle Abschluss des diesjährigen Projektes statt.
Im Unterricht hatten sich die Schülerinnen und Schüler intensiv vorbereitet:
Was ist eigentlich eine Zeitzeugin? Sind wir vielleicht auch Zeitzeugen? Gemeinsam entstand ein Zeitstrahl mit historischen Höhe- und Tiefpunkten, und die Kinder schrieben Briefe mit ihren Fragen an Frau Schulze.
Dann kam sie zu uns an die Schule, in den Unterricht – und übernahm nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Schwamm mit großer Selbstverständlichkeit und ihrer frischen Art das „Ruder“. Oft begann sie mit ihrer Mundharmonika. Eine Melodie, die sofort berührte: Sie erzählte, dass dieses Lied früher in ihrer Mädchenklasse vom Grammophon gespielt wurde – und die Kinder mussten mitsingen, wenn wieder ein Vater einer Mitschülerin im Krieg gefallen war. „Ich musste dabei weinen und konnte manchmal gar nicht mitsingen“, sagt sie. Auch heute noch wird ihre Stimme dabei leise, fast brüchig.
Ein anderes Mal spielte sie „Der Mond ist aufgegangen“ – als Antwort auf die Frage eines Schülers, ob sie die erste Mondlandung miterlebt habe. Noch während die Melodie klingt, fragt sie in die Runde, wer sie kennt. Dann holt sie ein kleines Buch hervor: ein Tagebuch, 1969 steht darauf.
Sie liest ihren Eintrag vom 20.07.1969 vor: wie sie nachts gebannt vor dem Fernseher sitzt, alles live verfolgt – wie die Besatzung um Neil Armstrong den ersten Schritt auf den Mond setzt. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen…“ Ihre Schrift sei an dieser Stelle ganz zittrig gewesen, sagt sie – „weil ich so aufgeregt war“.
Geboren wurde Frau Schulze in Berlin-Mitte im Virchow Krankenhaus, ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Berlin. Dann die Flucht mit der Mutter Richtung Nordwesten: „Die Russen hinter uns, die Amerikaner kommen uns entgegen.“ Zu essen gab es oft nur Kartoffelschalen und ab und zu ein Stück Brot. Einige Jahre lebte sie in einem Dorf, bevor sie nach Berlin zurückkehrte, dort ihr Abitur machte. Ein Studium blieb ihr verwehrt – „ich war nicht in der Partei“.
Stattdessen arbeitete sie im Halbleiterwerk in Teltow, forschte an Silizium – „hat übrigens etwas mit euren heutigen Smartphones zu tun“, sagt sie schmunzelnd. Dass sie selbst eines benutzt, sorgt für sichtbare Begeisterung bei den Schülerinnen und Schülern.
In Kleinmachnow lernte sie ihren späteren Ehemann kennen – in der Sommerfeldsiedlung: sie im Mietzimmer unten, er im Mietzimmer oben, „und die Hauswirtin immer in Hab-Acht-Stellung“. Sie heirateten, zogen in eine eigene Wohnung am Steinweg – „ganz oben am Friedhof“ – und lebten dort fast 70 Jahre gemeinsam. Seit drei Jahren lebt sie dort allein.
Besonders eindrücklich sind ihre Kindheitserinnerungen:
Sie erzählt, wie sie mit ihrer Oma auf der Schönhauser Allee unterwegs war. Plötzlich werden die Scheiben eines Fleischers eingeschlagen. Von drinnen fliegen Würste und Schinken auf einen LKW, dann „fliegt zuletzt ein kleiner Mann in schwarzer Kleidung hinterher, geworfen von Männern in senfgelber Kleidung“. Ihre Oma zieht sie schnell weg, als sie wissen will, was passiert. Später versteht sie: Sie hat den Beginn der Novemberpogrome 1938 erlebt – und erklärt den Schülerinnen und Schülern eindrücklich, warum der Begriff „Reichskristallnacht“ für dieses Verbrechen unangebracht ist.
Auch den Bau der Mauer hat sie hautnah erlebt – an der Kreuzung Ernst-Thälmann-Straße / Steinweg.
„Dort, wo ihr heute zur Schule geht oder Eis esst“, standen plötzlich Soldaten, bewaffnet, mit Stacheldrahtrollen. Erst Tage später wurde die Grenze verlegt. Was früher eine 20-minütige S-Bahn-Fahrt zum Alexanderplatz war, dauerte nun plötzlich drei Stunden mit Bus und dem Zug „Sputnik“, ganz um Berlin herum.
In den 1970er Jahren stehen eines Tages zwei Männer im grauen Trenchcoat vor der Tür. Sie müssten ein technisches Problem am Telefon beheben. Kurz wird geschraubt – dann gehen sie wieder. „Von da an knackte es bei jedem Gespräch am Anfang.“ Die Schülerinnen und Schüler erkennen schnell: Die beiden "Techniker" waren von der Stasi, ihr Telefon nun verwanzt.
Auch vom Mauerfall berichtet sie – von der Nachricht, der Rede Schabowskis, dem Moment, in dem sich alles veränderte.
Am Ende wird es stiller. Frau Schulze spannt den Bogen in die Gegenwart: Wie wichtig es ist, unsere Demokratie zu schützen, sie zu bewahren, sich für sie einzusetzen. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger macht sie das – aber mit großer Klarheit. Und dann, mit einem Lächeln, sagt sie noch etwas, das hängen bleibt: Was „Kollegin KI“ nicht ersetzen könne, sei die Liebe und die Kunst!
Wir sagen von Herzen: Danke, Helga Schulze!
Für deine Offenheit, deine Erinnerungen und deine unvergleichliche Art, Geschichte lebendig werden zu lassen.
Bis zum nächsten Jahr!